Herbst- und Winterabend

von Siegfried Kornfeld (Ehrenvorsitzender des Heimatvereins Isselhorst)

… früher hatte ich oft keine Zeit,
hatte es eilig, musste mich beeilen, mich ranhalten (mir ins Rad greifen),
auf die Reihe kriegen, meine Sachen
– das wollte mir niemand glauben –
heute, wenn ich sage: ich habe STRESS, nicken sie alle mit dem Kopf … (Georg Bühren)


Wenn im Herbst die Tage kurz werden oder im Winter schon kurz sind, wenn man im Garten nicht mehr arbeiten kann, weil es dunkel ist und vor allem: wenn ich müde bin oder Stress hatte, gehe ich manchmal nicht ins Haus, sondern ziehe mich warm an, hole mir eine Schiebkarre aus dem Schuppen und gehe damit in unseren kleinen Wald. Dort wickele ich mich in eine alte Decke und lege mich in die Schiebkarre. Es muss allerdings dunkel sein und auch kalt genug, es darf auch frieren und schneien. Im Sommer geht das nicht, weil einen dann die Mücken oder Fliegen zu sehr ärgern. Auch wenn man mich für nicht gescheit hält: über dreißig Jahre mache ich das nun schon und es hat mir noch nicht geschadet.

Wenn ich dann da so in meiner Schiebkarre liege, gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit und ich sehe nach kurzer Zeit alles um mich herum viel genauer: Da: ein Fasanenhahn hat auf dem Baum Nachtquartier bezogen und wenig daneben sitzt noch einer. Manchmal haben sie ihren richtigen Schlafast noch nicht und fliegen unter großem Geschrei ein paar Äste höher. Und dann sehe ich noch Tauben und manchmal auch kleinere Vögel, einen Spatz oder eine Amsel. Und dann die Bäume: Bei uns wachsen einige Eichen, die wohl schon 200, 250 Jahre alt sein mögen. Sie haben einen Stammdurchmesser von 1,30 m und mehr. Majestätisch stehen sie da, hoch in den Nachthimmel ragend. Ich habe hohe Achtung vor diesen Bäumen, denn Wind und Sturm, Regen, Schnee und Dürre haben ihnen über diesen großen Zeitraum nichts anhaben können. Mit meinen 70 Jahren komme ich mir dagegen klein und erbärmlich vor: Wenn sie erzählen und ich sie verstehen würde, was könnten sie mir mitteilen! Wenn die ältesten Eichen 250 Jahre alt sind, dann waren sie schon rund 50 Jahre alt, als Napoleon 1812 in den Russlandfeldzug zog. Auch in Isselhorst auf der Brede sollen Truppen von ihm Station gemacht haben. Ein Soldat soll sogar sein Gewehr hier vergessen haben. Ob unsere Eichen die Truppen und diesen Soldaten wohl gesehen haben?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in unserem Raum auch Hungersnöte. Nicht wenige Menschen verließen das Dorf, das Land und wanderten nach Amerika aus. Auch von unserem Hof sind Menschen ausgewandert. Es gibt Akten, sauber in Kanzleischrift geschrieben, die den Erbanspruch einer nach Amerika ausgewanderten Frau Hanna Catharine Uthoffs, geb. Riwe an den Hof im Jahre 1860 bezeugen. Ob die Eichen die Auseinandersetzungen wohl mitgehört haben? Vor einigen Jahren standen Nachfahren der damals Ausgewanderten hier bei uns auf dem Hof, hatten alte Urkunden dabei, mit denen sie ihre Herkunft vom Hof „Riven Cordt“ nachwiesen. Aber sie sprachen kein Deutsch, sondern nur Englisch. Und hatten leider nur wenig Zeit.

So könnte man weiterspinnen. Und wenn ich die mir bekannten Geschichtsdaten der letzten 250 Jahre an mir vorbeiziehen lasse und an den Eichen hochschaue, die das alles mit „erlebt“ haben, dann wird meine Achtung vor ihnen noch größer.

Wenn ich so in meiner Schiebkarre liege und das alles in Gedanken an mir vorbeiziehen lasse, dann kommt es hin und wieder vor, dass ich mich eins fühle mit der mich umgebenden Natur: nicht ich hier und die Natur mit ihren Pflanzen und Tieren dort. Nein ich fühle mich dann als Bestandteil all dessen. Und dann höre ich es wispern und verstehe auch die mich umgebenden Laute als Sprache der Natur und ihrer Lebewesen.
Im letzten Winter lag ich an einem bitterkalten Abend wieder in meiner Schiebkarre. Es schneite und das sirrende Geräusch des fallenden Schnees mischte sich mit anderen Stimmen, die ich verstehen konnte. Da hörte ich, wie sich ein Spatz mit einer Taube unterhielt. Beide saßen nicht weit voneinander entfernt und warteten auf das Ende dieser kalten Winternacht.
„Weist du eigentlich“, fragte der Spatz die Taube, „wie groß das Gewicht einer einzigen Schneeflocke ist?“ Die Taube war eigentlich zu stolz, um mit dem kleinen, hässlichen Spatz ein Gespräch zu führen. Sie wollte aber auch nicht unhöflich sein und antwortete: „Das Gewicht einer Schneeflocke? Das kann ich Dir wohl sagen,“ antwortete sie. „Das Gewicht einer Schneeflocke, das ist weniger als nichts!“ Damit wollte sie das Gespräch beenden, aber der Spatz antwortete gleich: „Das habe ich bisher auch gemeint. Aber gestern, da saß ich hier auch. Und da bin ich angefangen, die Schneeflocken zu zählen. Aber nur die, die auf dem Ast hängen blieben, auf dem ich saß.“ „Und“, fragte die Taube zurück, „wie weit bist du gekommen mit deiner Zählerei?“ „Bis zu der Anzahl von 999.999.“
„So“, sagte die Taube, „weiter reichte dein Zahlenraum wohl nicht!“ „Doch“, sagte der Spatz, aber bei dieser Zahl brach der Ast, auf dem ich saß, unter der Last des Schnees und ich musste zunächst einmal wieder festen Halt bekommen.“
„999.999“ wiederholte die Taube. Dann schlug sie mit ihren Flügeln, dass sie laut über ihrem Rücken zusammen klatschten und flog davon. In leichtem Flug durchmaß sie die Luft, deren Widerstand sie spürte. Sie meinte, im luftleeren Raum müsse ihr das Fliegen noch viel leichter gelingen.
Ich wurde wach. Ich musste wohl eingeschlafen sein. Mir war kalt, aber ich war wieder frisch und ausgeruht. Und von STRESS war nichts mehr zu merken.